Liebe Mädels und diesmal auch die Jungs,
da ich nicht genau weiß, ob ich morgen früh noch die Zeit finde, hier meinen morgendlichen Artikel zu verfassen, tue ich das vorsorglich jetzt. Es ist Donnerstag, der 18. September 2008 genau 20.50 Uhr. Sohnemann ist der Einzige, der noch halbwegs Normalität in seinem Zimmer genießen darf und der junge Mann macht sich gerade bettfertig. Abendessen ist erledigt, Hausaufgaben auch und morgen darf Söhnchen dann die Ruhe bei Papa/Oma genießen. Er war bei den bisher erledigten Umzugsarbeiten wirklich sehr fleißig und hat mir geholfen wie ein richtiger Mann. Artig erfüllte er alle Aufgaben, die ich ihm überlassen habe und meckerte kein einziges Mal. Seine Zahnspange hat er heute gleich komplett bekommen, womit wir nicht gerechnet hatten. Die Kieferorthopädin bat das Labor der Zahntechnik darum, das Oberteil doch bitte gleich mit fertigzustellen, da wir uns so einen weiteren Termin sparen können. Die erfüllten diesen Wunsch prompt und wir müssen nun erst wieder in sechs Wochen antreten zur Kontrolle. Die neue Spange drückt und quält den kleinen Mann ziemlich, aber er erträgt es mit Fassung. Er weiß, dass das anfangs nunmal so ist und hofft auf Besserung.
Nach getaner Arbeit im Studio haben wir zusammen heute so einiges geschafft:
- Küchenschränke restlos geleert
- Vorratsschrank fast vollständig transportfähig gemacht
- Jalousien abmontiert (außer Kinderzimmer)
- Schlafzimmer bis auf die Klamotten und meine blöde Reisematratze komplett leergeräumt
- Tisch und Stühle aus der Küche geräumt
- Geschirrspüler ein letztes Mal befüllt und in Betrieb genommen
- Töpfe, Pfannen, Teller, Tassen, Besteck und den ganzen Kram verpackt und reisefertig gemacht
Für den morgigen Freitag ist bereits alles durchgeplant, was noch von Dringlichkeit ist und ich denke, dass ich morgen Abend maximal 2½ Minuten zum Einschlafen brauche. Meine Nacht ist gegen 5.00 Uhr vorbei und dann muss ich bis abends durchziehen. Wenn meine Organisation hinhaut, werden wir morgen folgendes erledigen:
- in der neuen Wohnung Kleiderschrank aufbauen
- Kabeltechnik-Kumpel überprüft, welches Material ich für zwei weitere TV-Anschlüsse benötige
- Großteil der Verpflegung für Umzugshelfer/innen einkaufen
- Sohnemann mit neuem Wohnungsschlüssel in den Wochenendurlaub verabschieden
- Kinderzimmer komplett umzugsfertig machen
- in allen Räumen Nägel, Haken und Schrauben entfernen
- Badartikel weitestgehend einpacken
- Küche vollständig abmontieren
Wenn ich das morgen alles schaffe, falle ich abends vollkommen platt ins Bett, aber sehe dem Samstag sehr viel gelassener entgegen. Alle angesagten Helfer haben heute ihre Teilnahme bestätigt und so treten am Samstagmorgen punkt 9.00 Uhr hier satte neun Leute an, vielleicht sogar zehn, denn einer wollte eventuell noch Verstärkung mitbringen. Sohnemanns Papa hilft auch fleißig mit, was ich bemerkenswert nett finde, denn er hat mich in solchen Situationen trotz allem nie im Stich gelassen. Absolut feiner Zug von ihm, egal was mal zwischen uns war. Er hilft mir und damit auch seinem Sohn. Solche Ex-Männer hat man nicht oft, denke ich. Wir sind dann alles in allem drei Mädels und der Rest sind alles feine Kerls, die ohne groß zu grübeln ihre Hilfe zugesagt haben. Gerne würde ich diese tollen Leute hier namentlich erwähnen, weiß aber nicht so recht, ob sie ihre Namen hier gerne veröffentlicht wissen. Es sei nur soviel gesagt, dass ich die meisten von ihnen zwar schon viele Jahre kenne, manche davon aber wiederum erst relativ kurz. Nichts desto trotz haben alle schon mehr als einmal tatkräftig geholfen und ich freue mich, solche Menschen zu meinem Umfeld zählen zu dürfen. Auf sie ist Verlass und jeder Einzelne von ihnen hat was gut bei mir. Das kann mich im Extremfall zwar die Teilnahme an mindestens neun Umzügen kosten, aber das bin ich jedem von ihnen schuldig, denn am Samstag geht’s ins Dachgeschoss und das schmerzt in allen Muskelfasern.
Ganz am Schluss möchte ich meiner Kollegin und mittlerweile guten Freundin S. und ihrem „Schatzi“ (wie sie ihn nennt), meinem Chef aufrichtig für die Unterstützung und Geduld der letzten Wochen und Monate danken. So manches Mal kroch ich auf dem Zahnfleisch zur Arbeit, konnte kaum noch geradeaus denken, vergaß sicher vieles, war oft handlungsunfähig, aber niemand war mir ernsthaft böse und man hatte Nachsehen mit mir. Ich war dünnhäutig, nervlich angeschlagen und lief wochenlang mit Scheuklappen durch die Welt, nur um nicht noch mehr in die Knie zu gehen. Alles tat weh und ich schlug um mich, wie ein verwundetes Tier. Wie oft habe ich damit genau die Beiden getroffen, die jeden Tag mit mir arbeiten mussten. Ich funktionierte auf Sparflamme, aber Kopf und Herz lagen regelrecht geprügelt vor mir auf dem Boden. Mit genügend Abstand konnte ich mich einigermaßen erholen und befinde mich mittlerweile auf einem heilsamen Weg der Besserung. Ich habe noch keine Zeit, um Kräfte zu tanken, aber die Wunden sind ganz frisch vernarbt und hören langsam auf zu schmerzen. Ich blute nicht mehr, nur noch in größeren Abständen und dann meist auch ohne Tränen. Es wird besser und das emotionale Chaos liegt hinter mir. Nur der Abstand machte das möglich. Ihr Beide habt mich dabei begleitet, mal schweigend, mal zuhörend und oft auch im Gespräch, obwohl ich zeitweise ein schrecklich sturer Gesprächspartner war, der nur noch weglaufen wollte.
Mein Dank ist nicht in Worte zu fassen und ich hoffe, dass ich eines Tages eine Möglichkeit oder einen Weg finde, um Euch meine Dankbarkeit zu zeigen, zurückgeben zu können oder anderweitig Ausdruck zu verleihen, denn Ihr habt Durchhaltevermögen und Geduld mit mir bewiesen. Und für was ich Euch alles zu danken habe, wisst nur Ihr allein. Wenn ich Euch in meinem Schmerz oft so verletzt habe, tut es mir aufrichtig leid und ich weiß nicht, ob alle Worte dieser Welt reichen, um das aufzuwiegen, was Ihr mir entgegen gebracht habt. Aber ich möchte es dennoch versuchen, irgendwann, irgendwie…
Danke auch an meine beste Freundin J., die mich so oft ertragen hat, wenn ich geflohen bin. Sie allein kann ermessen, welch schwieriger Mensch ich in solchen Lebenslagen bin und trotzdem ist auch sie geduldig und nie nachtragend. Und ich danke all denen, die mir Zuversicht und Zuspruch gaben, als ich vor dem Nichts stand. Danke Euch allen, ich bin froh, dass ich jeden Einzelnen von Euch kenne und nur zu gerne würde ich die Namen all derer nennen, die mir ihre Freundschaft und ihre Gedanken gewidmet haben.
Schwermütige Zeilen zum Abschied waren eigentlich nicht meine Absicht, als ich vor knapp zwei Stunden mit dem Schreiben begonnen habe. Mein Sohn liegt längst im Bett. Minutenlang saß ich an seinem Bett und wir plauderten ein letztes Mal vorm Einschlafen, denn heute ist seine letzte Nacht hier in diesem Mauern. Meine eigene letzte Nacht verbringe ich allein und ich bin unendlich froh, dass das Warten vorbei ist. So froh… Unser neues Leben beginnt am Samstag und wir haben sehr viel gelernt. Über Menschen und ihre Versprechungen, über Menschen mit zwei Gesichtern, über Freundschaft, über Lügner, über selbstlose Hilfsbereitschaft, über uns selbst und unser Innerstes… Wir sind vorsichtiger, dankbarer und etwas demütiger, denn wir haben im größten Schmerz genau die getroffen, die uns helfen wollten und es trotz allem noch immer tun.
Danke J.H., M.S., S.W., A.K., I.D., C.F., A.?., L.C., D.P., K., C.K., R.L., S.G.B., meiner Familie P.+J.P.S.+C.S. und allen, die ich zu so später Stunde vergessen habe.
Wir sehen uns „drüben“ in der neuen Wohnung. Und vielleicht finde ich morgen früh ein paar Minuten Zeit, Euch einen guten Morgen zu wünschen… *wink*