Gut, ganz so drastisch, wie im letzten Absatz gefordert, würde ich es nun nicht gleich ausdrücken, aber dem Rest stimme ich zu, denn Sohnemann ist derzeit sehr traurig über den selbst verschuldeten Verlust seine geliebten Rades. Leichtsinnigerweise hatte er selbiges über Nacht in der Stadt abgesperrt zurückgelassen, wollte es sogar über das folgende Wochenende dort lassen. Nur durch Zufall bemerkte ich überhaupt erst, dass sein Rad nicht im Keller stand, weil ich etwas runterbringen wollte. Verdutzt suchte ich die Kellergänge nach seinem Gefährt ab, doch nirgendwo stand sein Rad. Als er von der Schule kam, fragte ich nach und war erschüttert über seinen Leichtsinn, das Rad einfach über Nacht mitten in der Stadt zu lassen, egal ob nun abgesperrt oder nicht.
Offenbar reichte mein erster “Anfall” aus, um ihn sogleich loslaufen zu lassen, das Rad sofort zu holen. Eine Stunde später stand er mit hilflos herunterhängenden Armen da und sagte nur kraftlos: “Weg…”. Ich starrte ihn an und tobte los. Wie er so leichtsinnig sein könne, dass das Rad ein teures Geschenk gewesen sei, dass er nicht von seiner eigenen Gutmütigkeit ausgehen könne, dass er gedankenlos sei usw., ich fand kaum noch Worte für meinen Groll. Er ließ es über sich ergehen, war sich seiner Schuld bewusst und dann rollten wortlose Tränen und mein Mutterherz starb tausend Tode, meine Wut richtete sich nun gegen die Fahrraddiebe, die ein kleines Kinderherz brachen.
Mein Sohn, diese Lektion hätte ich Dir so gerne erspart, aber sie scheint vonnöten zu sein, um Dir klarzumachen, wie gut man auf seine Sachen aufpassen muss. Viel zu leichtfertig gehst Du mit Deinem Eigentum um, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass Du dafür nicht hart arbeiten musstest. Lerne daraus und beherzige dies für Deine Zukunft, denn böse Menschen gibt es überall und denen ist es scheißegal, ob Du jetzt traurig bist – leider… Mir ist das nicht egal, auch wenn Du das vielleicht denkst. Geschimpft habe ich genug, aber mein Herz ist groß genug, damit darin auch Platz ist für Deine Enttäuschung und Deine Tränen schmerzen mich sehr.
Heute erreichte mich vollkommen unerwartet die Nachricht über den Tod eines ehemaligen Nachbarn. Ich bin bestürzt und angesichts dieses tragischen Ereignisses fehlen mir die Worte für das, was mir in diesen Stunden durch den Kopf geht.
Erinnerungen an meine Zeit in diesem Haus kommen hoch und ich dachte immer sehr gerne an meine Zeit dort. Vor fast genau 13 Jahren zogen wir mit unserem klitzekleinen Sohnemann in eine größere Wohnung. Dachgeschoss, helle Räume, Balkon und vor allem ein Kinderzimmer. Gleich nebenan wohnte ein älteres Ehepaar. Zwei stattliche und hochgewachsene Menschen, alle beide hatten schneeweißes Haar und sie waren es, die mir als erstes im Flur begegneten. Scott war gerade zwei Monate alt, als wir dort unser Heim einrichteten. Unsere erste Begegnung ließ gleich jedes Eis schmelzen, denn als ich mich mit Scotti im Arm die Stufen bis nach oben quälte, standen die Beiden da und strahlten mich an: “Aaaaach, eeendlich wieder Kinder im Haus. Das ist sooo schön und darüber freuen wir uns sooo sehr.”
Ich war etwas verdutzt, denn man hört derlei freudige Worte nicht oft, wenn es um oftmals schreiende und trotzende Kinder geht. Ich lächelte etwas zaghaft zurück und was in den folgenden fünf Jahren an Herzlichkeit aus der Nebenwohnung kam, war einfach unbeschreiblich. Meine liebenswerten Nachbarn vergaßen kein einziges Mal den Geburtstag meines Sohnes, ein Weihnachtsfest, den Kindertag oder Nikolausi. Immer, ja wirklich immer lag oder stand etwas Tolles auf unserem Schuhschrank. Wer jetzt glaubt, es handelte sich dabei um Kleinigkeiten, irrt gewaltig. Meine lieben Nachbarheinzelmännchen stürzten sich jedes Mal in unverschämt hohe Kosten, um meinem Sohn eine Freude zu machen. Und immer war das Geschenk in silbern glänzende Alufolie gepackt. Anfangs war ich darüber einigermaßen irritiert, aber wenn ich heute Geschenke in Alufolie sehe, denke ich jedes einzelne Mal an “meine Zänkers”.
Es dauerte nicht lange, bis mein Kater “Mephisto” das erste mal aus der Wohnung entwischte und auf direktem Weg rüber zu Zänkers rannte. Frau Zänker freute sich diebisch, denn sie mochte Haustiere sehr sehr gerne. Sie beruhigte mich, als ich meinen Kater gleich holen wollte: “Ach, das macht nichts. Lassen Sie ihn ruhig ein bisschen bei uns. Wir hatten früher einen Hund und seitdem dieser gestorben ist, vermissen wir das oft. Ich klingle nachher, wenn er zurück will.” Sprach’s und “behielt” meinen “Dicken” für eine beachtliche Zeit. Kein Wunder, denn dort drüben durfte er nach Herzenslust in Pflanzen beißen, daran nagen und in den Blumentöpfen buddeln. Irgendwann klingelte es und Frau Zänker brachte mir mein Ungetüm zurück.
Nicht lange danach stand plötzlich eine große Pflanze im Hausflur und als ich wieder einmal die Treppen hochhechelte, strahlte mich die große Frau von nebenan wieder an und sagte: “Der Blumenstock ist für Mephisto. Den darf er ruhig aufessen, der steht extra für ihn hier, falls wir mal nicht zuhause sind.” Ich kicherte und fand das mehr als süß. Lächelnd schloss ich die Tür und so vergingen die Monate im neuen Zuhause. Scotti wurde zusehens mobiler und morgens klopfte er gerne mit den Fersen an die Wand, wenn er wach wurde. Mir war das peinlich, denn ich wollte niemanden stören oder für Unruhe im Haus sorgen. Aber meine Nachbarn waren regelrecht erfreut, wenn sie den kleinen Mann mal hörten.
Als er endlich laufen konnte, verbrachte nicht nur mehr Mephisto seine Zeit nebenan, sondern es kam immer häufiger vor, dass auch Scotti hinterher tippelte und auch zu den netten Nachbar wollte. Auch das war mir höchst unangenehm. Meine Nachbarn allerdings bettelten regelrecht darum, auf Scotti aufpassen zu dürfen und peinlich berührt willigte ich ein. Von Stund an klingelte Scott fast täglich dort drüben und “Tante Rosi und Onkel Harald” öffneten jedesmal freudestrahlend die Tür. Es wurde kurz rübergewinkt und dann schlossen sich die Wohnungstüren wieder. Es war goldig, das zu sehen, denn die Beiden genossen die Zeit mit Scotti sehr. Sie feierten mit ihm Fasching, malten ihn an, brachten ihm lustige Worte bei – Tante Rosi nannte ihren Harald oft im Scherz “Sausack”. Mehr muss ich nicht sagen.
Diese und noch viele andere Erinnerungen kommen heute wieder zum Vorschein. Als ich barfuß und im Badeanzug bei Rosi telefonieren musste, weil ich mich ausgesperrt hatte, als die Nachbarn ihr Bad komplett verschönern ließen und eine Woche meine Toilette benutzten, als mir Onkel Harald Schnäpschen einflößte und und und… Irgendwann tauschten wir auch die Wohnungsschlüssel. Die tollsten Nachbarn, die man sich wünschen kann und herzlich wie kaum jemand sonst. Eine schöne Zeit hatten wir dort, dank ihnen. Sie sahen Scotti laufen und sprechen lernen, die verfolgten seine Entwicklung mit großem Interesse und waren immer liebevoll zu ihm und auch zu mir. Danke für alles und auf Wiedersehen, denn ich möchte im Nirvana gerne wieder neben Euch wohnen. Es war schön mit und bei Euch. Ich bin sehr traurig heute und ich werde heute Bilder von damals anschauen, weil mir danach ist.
Tante Rosi, sei tapfer und behalt’ den Mut. Es ist schwer, sehr schwer und alle, die Dich und Deinen Onkel Harald kennen, wissen, wie groß die Lücke ist, die er bei Dir und allen Menschen hinterlässt. Ich denke an Euch!!!
Mir fehlen noch immer die Worte für diesen Verlust. Während meiner gesamten Kindheit und Jugend warst Du für mich der größte und einzig wahre Künstler. Ich sammelte jeden Fetzen Papier, jede Kassette, jede noch so unbedeutende Kleinigkeit von Dir, ganz egal was, wenn nur Dein Name darauf stand. Mit Deinem Tod nimmst Du einen Teil meiner Jugend mit Dir, denn Du warst ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Deine Musik war das Größte für mich und mit 14 Jahren schrieb ich Dir einen Brief, der nie beantwortet wurde. Dein plötzlicher Tod löste bei mir tiefe Bestürzung und Ungläubigkeit aus und die Nachricht wird noch lange nachhallen. Ich werde niemals vergessen, wo ich in diesem Augenblick war und wer Dich nicht annähernd so bewundert hat, wie ich es einst getan habe, wird nie ermessen können, wie entsetzlich traurig ich über Dein Fortgehen bin. Auch wenn man mich für vollkommen verrückt erklären wird, gestehe ich, dass ich geweint habe und das Gefühl habe, ein Familienmitglied sei gestorben. Damals warst Du das für mich und irgendwie bist Du das immer geblieben, denn ich habe Dich wirklich sehr verehrt und kindlich geliebt.
Grüße an Bon Scott, Jimmy Hendrix, John Lennon, Bob Marley und all die anderen großen Idole, die viel zu früh gegangen sind. Du warst jedoch das Größte von allen für mich. Danke für Deine Musik und danke dafür, dass ich ein Kind Deiner Zeit sein durfte.
Da wachste morgens auf und in Deinem Kopf spucken schon wieder irgendwelche Gesichter von irgendwelchen Menschen herum, die Du schon vor langer Zeit in die ewige Verdammnis verbannt hast. Du wischst diese Gesichter energisch weg und stehst schon leicht gereizt auf, weil Du es hasst, wenn ein Tag mit solchen Fratzen beginnt. Dir huscht aber dann doch ein gehässiges Grinsen übers Gesicht, weil diesem Antlitz entscheidende Attribute fehlen, die es unverwechselbar machen. In Deinen Gedanken gibt es diese Attribute nicht. Gut so, denn dieser Mensch ist für Dich schon sehr lange nichts besonderes mehr. Dann öffnest Du die Schlafzimmertür und kämpfst mit Fräulein Katze, die den Weg zur Küche nicht freigibt, weil sie sofort jetzt gleich auf der Stelle ihre Streicheleinheiten einfordert, ohne warten zu wollen, dass Du wenigstens mal das Licht angeknipst hast. Leise fluchst Du und verscheuchst das drängelnde Tierchen erstmal schimpfend.
Du aktivierst die 4×60-Watt-Beleuchtung Deiner Küche und erblindest just in diesem Augenblick. Du schlägst die Hände vors Gesicht und läufst instinktiv weiter bis zur Kaffeemaschine, denn Du kennst den Weg genau. Langsam musst Du die Finger spreizen, damit sich Deine verschlafenen Augen an die Helligkeit gewöhnen und dann füllst Du eilig die Kaffeemaschine, denn Tage wie dieser dürfen nicht ohne einen ordentlichen Schluck Koffein beginnen, sonst enden sie so, wie sie begonnen haben – mit Groll im Bauch. Nein, nicht weil heute Freitag der 13. ist, denn die 13 ist meine Zahl, meine ganz persönliche Glückzahl. Viele guten Dinge aus meinem Leben und so manche schicksalhafte Begebenheit stehen mit der 13 in Verbindung und ich habe schon vor Jahren meinen Frieden mit dieser Zahl gemacht, denn sie suchte mich immer wieder heim. Wir sind Freunde geworden und inzwischen gehört sie zu meinem Leben, also macht mir der 13. – ganz egal, ob nun Freitag oder Mittwoch oder sonstwas für’n Tag – keinerlei Angst mehr. Nein, im Gegenteil…
Es ist nun auch schon wieder eine ganze Woche her, dass er nicht mehr bei uns ist. Manchmal drängt sich der Verlust in den Vordergrund, manchmal bekommt man wieder diese Wut über das Verhalten des Menschen, der das alles verschuldet hat und manchmal wünscht man sich einfach, dass man die Zeit zurückdrehen könnte, denn dann hätte keiner von uns zugelassen, dass so etwas jemals passiert. Leider sind wir alle dagegen machtlos und können nur akzeptieren, was geschehen ist. Es fällt mir schwer, immer noch. Jeden Tag. Es gelingt mir noch nicht so recht, zu realisieren, dass er nicht mehr zur Tür rein getobt kommt und einen mit seiner unwiderstehlichen Art begrüßt. Masochistisch, wie man in solchen Momenten veranlagt ist, habe ich mir einige der damaligen Beiträge durchgelesen, als der kleine Herr L. aus P. hier eine Woche alles im Chaos versinken ließ und ich gäbe ein Königreich dafür, wenn ich etwas an seinem Schicksal hätte ändern können. Ach was, ein Königreich… Die Welt würde ich geben…
Es gibt viel zu tun heute, ich muss mich aufraffen. Ich wünsche allen Lesern ein schönes Wochenende und Entspannung. Ich werde morgen ein bisschen unter Menschen gehen und mich mal wieder amüsieren. Habe ich gestern schon und es tat gut. Ein bisschen Ablenkung von alldem und das Lachen nicht verlernen. Verlernt haben wir es nicht, aber es fällt ein bisschen schwer im Moment, zumindest manchmal. Morgen lassen wir das alles mal ein paar Stunden hinter uns und ich bin gespannt, was ich Euch (spätestens) am Montag zu berichten habe. Unverhofft kommt ja oft…
Nach den Ereignissen der letzten Tage und Wochen fällt es mir etwas schwer, so einfach zur Tagesordnung überzugehen, doch das Leben geht weiter und der Alltag fordert unsere Aufmerksamkeit. Am vergangenen Wochenende haben wir alle uns etwas Ruhe und Erholung gegönnt, haben versucht, die Geschehnisse zu akzeptieren und aufzuarbeiten. Leicht fällt das nicht, aber Stillstand ist der Tod, sagt man. Verhindern konnte niemand seinen Tod, jeder opferte sich auf und griff selbst nach dem kleinsten Strohhalm. Ich möchte an dieser Stelle allen Helfern noch einmal ausdrücklich danken und ich bin nachhaltig beeindruckt, wie konsequent all diese Menschen um diesen kleinen Wirbelwind gekämpft haben. In Zeiten wie diesen ist das keine Selbstverständlichkeit, wenn auch das Schicksal uns keinen Erfolg gönnte. Ich bereue keine Sekunde, keinen Handschlag und würde es immer wieder genauso machen. Ich denke, ich spreche im Namen aller, wenn ich sage, dass wir jederzeit wieder unsere Kraft und Energie an derartiger Stelle einsetzen würden, wenn auch nur ein Fünkchen Hoffnung bestünde.
Ein bisschen sind wir alle mit gestorben, ganz gewiss, aber wir dürfen nicht innehalten und müssen jeder für sich weitermachen. Ich für meinen Teil muss heute, wie so oft, Behördengänge erledigen und werde danach zum Ort des Geschehens fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Dort gibt es noch viel Arbeit, denn der Krankheitsverlauf des kleinen Schwarzen hat dort nachhaltig Spuren hinterlassen, die das Wohlbefinden seiner Pflegemama stark beeinträchtigen. Eventuell kann ich dort mit Hilfe von Bekannten oder Freunden etwas Gutes tun und hoffe, dass sich auch dieser vorerst letzte Einsatz lohnt, denn der Mensch, dem sie das kranke Tier während der letzten Wochen abgenommen hat, zieht sich jetzt feige aus der Affäre und lässt sie im Stich, so wie er seinen Hund im Stich gelassen hat. Die Gedanken, die einen heimsuchen, wenn man derartiges mit ansehen muss, möchte ich hier nicht wiedergeben.
Dieser Mensch versteckte sich während der gesamten Zeit hinter seinem Mitleid, das ihn handlungsunfähig gemacht habe, als ob uns das alles leichter als ihm gefallen wäre. Keiner von uns konnte diesen Anblick gut ertragen, jeder von uns ging über seine Grenzen hinaus, aber ausgerechnet er rannte davon und schob uns sämtliche Verantwortung zu. Wie feige das war, haben wir ihm bereits gesagt, als der Hund noch lebte, aber auch jetzt hat sich an seinem Verhalten nichts geändert. Die nackte Wut packt mich, wenn ich sehe, dass er eher in Selbstmitleid versinkt, statt sich verantwortungsvoll zu verhalten. Ich glaube, ich bin mit diesen Gedanken nicht allein, denn ich erwarte von einem Tierhalter sehr viel mehr Einsatzbereitschaft, wenn es um das Wohl seines Tieres geht. Das von ihm gezeigte Verhalten, dieses defensive “Ich-kann-das-nicht” finde ich unverzeihlich und verwerflich. Solche Menschen sollten keine Haustiere halten dürfen.
Leb’ wohl, mein Fröschlein!!! Du wirst uns sehr fehlen.
Heute ist einer jener zwiespältigen Tage für mich, denn er vereint Trauer und Vorfreude. Ab morgen dürfen die Weihnachtssachen aufgestellt werden, aber im Laufe des Nachmittages werde ich aller Voraussicht nach mit einer schlichten weißen Rose in der Hand zum Grabe meiner Großmutter gehen und diese Rose auf ihrem Grab hinterlassen. Das tue ich immer an all jenen Tagen, die ich für richtig erachte. Dazu zählt ihr Geburtstag, der Todestag, Weihnachten und natürlich der Totensonntag. Ich bin nicht so geübt im Besuchen von Gräbern, aber ich komme niemals mit leeren Händen. Ich bringe ihr jedes einzelne Mal diese weiße Rose mit und verharre einige Minuten im stillen Zwiegespräch mit ihr. Uns verbanden nicht nur gute Zeiten und ich trage noch immer so manchen Konflikt in mir, aber mein innerer Konflikt ist schon klein genug, um ihr während des gesamten Jahres mehrmals eine Rose zu bringen, denn sie liebte Blumen wirklich sehr. Und ich wähle immer die Farbe weiß, denn diese Farbe verkörpert für mich Reinheit, Neubeginn und Verletzlichkeit. Rot erscheint mir zu präsent, gelb zu fröhlich, rosa zu kitschig, orange zu knallig und lila hasse ich ganz einfach. Weiß ist gut, weiß ist dennoch aussagekräftig und weiß ist auch eine Farbe der Ruhe für mich.
Immer nur eine Blume, eine Rose, ein bisschen was Grünes drumrum und sonst nichts. Auch die Farben und Blumen für das Grabgesteck bei ihrer Beerdingung habe ich ausgesucht. Meine Mutter war damals mit mir im Blumengeschäft und stand neben mir. Wortlos und über den Tod ihrer Mutter betrübt habe ich sie unter meine Obhut genommen und gesagt: „Wir suchen Blumen für Oma aus, komm…“ Sie lächelte müde und ließ es geschehen. Ich stellte ein Arrangement aus weißen Blüten zusammen. Schlicht, edel, zart und weiß, einfach nur weiß. Ich ordnete den genauen Wortlaut der Inschrift auf den Trauerbändern an und bestimmte auch deren Farbe – dunkelgrün mit goldener Schrift. Meine Mutter bestand darauf, alles zu bezahlen und sagte mit einem dankbaren Lächeln: „Das sieht schön aus, danke, mein Kind…“ Ich hakte mich unter und wir verließen den Laden. Der Trauerfeier blieb ich fern. Ich wollte und konnte nicht in die heucherlischen Gesichter derer sehen, die nun plötzlich aus der Versenkung auftauchten.
Und ich wusste, diese Trauerfeier würde wieder in einem Skandal enden, was auch geschah, denn meine Mutter berichtete mir davon. Persönliche Gründe verboten mir, dieser Feier beizuwohnen und ich hatte mich längst auf meine Art verabschiedet. Als sie starb, war ich gerade auf Arbeit. Mein Handy klingelte und am anderen Ende sagte meine Frau Mama in mütterlichem Befehlston: „Komm sofort nach Hause! Oma ist gestorben.“ Ich empfand diesen Ton weniger befehlend, sondern verstand das viel mehr als Warnschuss, dass die elende Schlammschlacht der Heuechelei nun beginnen würde. So war es auch. Ich fuhr ohne Umwege zum Pflegeheim, wohin sie von meinem Großvater abgeschoben worden war, „weil das komische Krankenhausbett in der Wohnung doch unmöglich aussähe“ und sah mich mit einem betrunkenen Großvater, einer ebenfalls betrunkenen Tante und den zwei verbliebenen Schwestern meiner Großmutter konfrontiert. Meine Mutter lehnte an der Wand und verbarg das Gesicht an jeder Wand in ihren Händen.
Mein Großvater stammelte wirres Zeug, was angesichts seines Alkoholpegels kein Wunder war. Ich schämte mich für die Tatsache, dass meine werte Tante und mein ehrenwerter Großvater 100 m entfernt im Garten gesessen und sich betrunken hatten, während meine Großmutter ihren letzten Atemzug tat. Auch die unmittelbare Nähe zum Pflegeheim hatte nur für einen einzigen täglichen Besuch gereicht. Meine Mutter hingegen war aus Saarbrücken angereist und hatte angekündigt, so lange zu bleiben, bis Oma gestorben sei, denn wir beide wussten, dass es zuende geht. Schon vor Monaten hatte ich zu meiner Mutter gesagt: „Das lange Sterben von Oma hat begonnen.“ Ich sollte recht behalten. Nach und nach verließen alle Angehörigen den Raum, in dem meine tote Großmutter lag und mein betrunkener Großvater forderte mich schwankend auf, mitzukommen. Ich weigerte mich, ohne ihn anzusehen. Ich war angewidert und distanzierte mich von allen. Meine Mutter wusste, warum.
Als alle gegangen waren, betrat ich schweigend den Raum, nahm mir einen Stuhl und setzte mich an ihr Bett. Ich wies die Pflegeschwestern an, mich bis zum Eintreffen des Bestattungsunternehmens mit ihr allein zu lassen. Freundlich nickend wurde meine Bitte erfüllt und man reichte mir wortlos anteilnehmend ein Päckchen Tempos. Ich schloss die Tür zum Zimmer und setze mich noch näher ans Bett. Ich starrte meine tote Großmutter an und erst jetzt konnte ich weinen. Eine ganze Stunde war ich allein mit ihr und ich weinte, sprach sie immer wieder leise an und fand kein Wort außer „Oma“… Ich versuchte zu begreifen, dass sie vor mir lag und mich trotzdem nicht mehr hören konnte. Ich wollte ihre Hand berühren, aber jedesmal hielt ich wenige Millimeter vor ihrer Hand inne. Das konnte ich nicht, das ging mir zu weit. Ich starrte sie eine Stunde lang an und sah nichts anderes an, denn ich wollte keine Sekunde damit verschwenden, meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zu schenken, als diesem letzten Moment, diesem letzten Beisammensein, nur sie und ich.
Irgendwann öffnete sich die Tür und zwei schwarz gekleidete Herren betraten den Raum, wünschten mir anstandsvoll Beileid und warteten in gebührendem Abstand, bis ich mich erhob und den Raum verließ, ohne mich ein letztes Mal umzudrehen. Ich lief wortlos zum Treppenhaus und sah kein einziges Mal zurück. In diesem Augenblick beschloss ich auch, nicht zur Trauerfeier zu erscheinen, denn die Szenerie mit zwei betrunkenen Angehörigen hatte mir gereicht. Nein, ich hatte mich verabschiedet, auf meine Weise, in aller Stille und in Zweisamkeit, so wie ich es wollte. Meine Mutter verstand das und was der Rest dachte, ging mir am Arsch vorbei. Ich setzte mich in mein Auto und stand noch lange auf dem Parkplatz. Der schlichte Sarg mit dem Leichnam meiner Großmutter wurde vor meinen Augen in den Wagen gehoben, einer der Bestatter trat an meinen Wagen und reichte mir eine Visitenkarte. Er notierte einige Hinweise, was für die Beisetzung notwendig sei und verabschiedete sich respektvoll. Ich hatte den Eindruck, dass jeder Mensch, der mir in diesen Stunden begegnete, mich als Verantwortliche für alle Belange rund um den Tod meiner Großmutter betrachtete. Niemand sprach meine Verwandten an.
Als ich endlich nach Hause fuhr, kam dieses Lied aus dem CD-Player meines Radios und es erinnert mich seither an den Tod meiner Großmutter:
I hope you’re feeling happy now
I see you feel no pain at all it seems
I wonder what you’re doin’ now
I wonder if you think of me at all
Do you still play the same moves now
Or are those special moods
For someone else
I hope you’re feeling happy now.
Just because you feel good
Doesn’t make you right (oh no)
Just because you feel good
Still want you here tonight
Does laughter still discover you
I see through all those smiles
That look so right
Do you still have the same friends now
To smoke away your
Problems and your life
Oh how do you remember
Me the one that made
You laugh until you cried
I hope you’re feeling happy now
Just because you feel good
Doesn’t make you right (oh no)
Just because you feel good
Still want you here tonight
Just because you feel good
Doesn’t make you right (oh no)
Just because you feel good
Still want you here tonight
I wonder what you’re doing now
I hope you’re feeling happy now
I wonder what you’re doing now
I hope you’re feeling happy now
Nach etlichen Spaziergängen und zahlreichen Streicheleinheiten gewinne ich den Eindruck, dass mein Wochenendpflegehund schlimmes Heimweh plagt. Er möchte nicht wirklich spazieren gehen, mag lieber zuhause sein und fühlt sich draußen nicht wirklich wohl. Aber hier in der Wohnung scheint der kleine Knotenfurz glücklich und zufrieden zu sein. Wenigstens etwas…
Der Sonntag begann ruhig und in aller Gemütlichkeit. Ich genoss meinen Kaffee, hatte bewusst keine Pläne für diesen Tag gemacht und gedachte, das Wochenende schön gemächlich ausklingen zu lassen. Aber wie das mit Plänen so ist, kam wieder alles anders als geplant. Am frühen Nachmittag hatte ich kurz Besuch und freute mich auch sehr über diese spontane Begegnung. Ein Stündchen Plauderei und eine Tasse Kaffee brachten dann doch etwas Abwechslung in den Sonntag. Danach wollte ich nur kurz meinen Emaileingang überprüfen und sah, dass C. online war. Ich tippte eine kurze Begrüßung und prompt klingelte mein Telefon. Natürlich nahm ich das Gespräch an und nach wenigen Minuten wurde beschlossen, dass man den Rest des Nachmittages gemeinsam verbringen sollte. Also machte ich nicht viel Aufhebens und tauschte meine Schlafanzughose gegen eine bequeme Knautschehose, stieg in mein Auto und gondelte Richtung Schleiz.
Dort angekommen durfte ich frisch gezapfte Kuhmilch kosten und nach dem ersten Kaffee folgte ein überaus schmackhafter Cappuccino. Etwas später gesellte sich ein sehr guter Kumpel von C. zu uns und es war entspannt. Ich weiß nicht, ob es klug ist, nun das aufzuschreiben, was dann folgte, aber zumindest bleibt uns dieser Abend wohl noch eine kleine Weile in Erinnerung. Da C. in diesen Tagen und Wochen in etwa das Gleiche durchlebt wie ich während der letzten Monate, gährte in ihr im Laufe des Abends der Wunsch, die Klamotten und Habseligkeiten ihres Ex’ aus ihrer Wohnung zu verfrachten. Was dazu führte, bleibt hier aus privaten Gründen unter Verschluss, aber als Freunde packten wir mit an und versuchten, ihr zu helfen. Natürlich kam der Delinquent zu früh nach Hause und so kam es, dass wir just in dieser Sekunde alles fallenließen, was wir gerade in den Händen hatten und flohen zurück ins Wohnzimmer.
Zugegebenermaßen plagte mich mein Gewissen etwas, denn der junge Mann hatte mir erst kürzlich beim Umzug geholfen und hatte sich als wirklich große Hilfe erwiesen. Aber wie das im Leben manchmal so ist, musste ich klar Stellung beziehen und beteiligte mich schweren Herzens an der „Aufräumaktion“. Da die Gründe hierfür äußerst schmerzhaft für C. waren, brauchte sie jetzt Unterstützung. Diskret blieben Kumpel H. und meine Wenigkeit im Wohnzimmer sitzen und hielten uns verbal komplett raus. Es folgte ein kurzes Wortgefecht im Treppenaufgang und dann war Stille. Mit trauriger Miene kam C. zurück und setzte sich irgendwie erschöpft zu uns. Müde und enttäuscht lehnte sie sich an mich und meine Kehle schnürte sich langsam zu, da ich selbst erst kürzlich eine Trennung hinter mich gebracht habe. Gottlob habe ich die schlimmsten Tage bereits hinter mir und war dennoch irgendwie starr, da dieser Schmerz so überwältigend ist, dass nichts und niemand einen trösten kann.
Ein paar Tränen flossen und bald folgten Rachegedanken. Wir lachten wieder und schmiedeten – vermeintlich hypothetische – Pläne. Tja und einige davon wurden dann an diesem Abend noch in die Tat umgesetzt, denn jedes Kind weiß, dass es nun wirklich keinen schlimmeren Feind geben kann, als eine gekränkte und verletzte Frau. Nun fragt sich der eine oder andere Leser sicher, was sie/wir getan hat/haben, aber das bleibt unser Geheimnis. Es sei nur soviel gesagt, dass niemandem körperlich oder materiell geschadet wird. Ob es richtig oder falsch ist, bleibt offen. Es ist jedoch unbestritten, dass er ihr Vertrauen und ihre Liebe gewissenlos ausgenutzt hat, wenn sich die Verdachtsmomente bewahrheiten sollten. Zwar ist mir derartiges nicht geschehen, aber ich kann die Wut und Enttäuschung durchaus nachvollziehen. Absolut…
Kleines, ich wünsche Dir für die kommende Zeit ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen. Es wird nicht leicht und so manches Mal wirst Du denken, dass Du daran zerbrichst, aber Du bist nicht allein und weißt, wo Du uns findest, wenn Du Halt und eine Schulter zum Weinen brauchst. Halt durch und sieh nach vorne, auch wenn die Sommersprossen des Lebens im Moment eher aussehen wie Durchfallspritzer… Wir sind für Dich da und machen jeden Quatsch mit, der Dir dabei hilft, dass es Dir bald besser geht…
Es gibt Momente, die vergisst man nicht und solche, die man vergessen muss, um leben zu können.
Wenn auch die Fähigkeit zu täuschen ein Zeichen von Scharfsinn und Macht zu sein scheint, so beweist doch die Absicht zu täuschen ohne Zweifel Bosheit und Schwäche.
Ich weiß aus bitterer Erfahrung, wie trügerisch mitunter das Äußere sein kann, dass sich unter Blumen manchmal eine Schlange verbirgt.
Die uns so täuschend echt vormachen, von angenehmer Wesensart zu sein, die entlarven sich immer wieder viel zu spät als eine unangenehme Art von Wesen.
Ich erweise mich nicht zum ersten Mal als ungeduldiger Mensch. Ich warte seit Tagen und Wochen sehnsüchtig, dass der Schmerz über das Geschehene und in den frischen Wunden endlich nachlässt. Nichts kann ihn betäuben, nichts lindert ihn, niemand kann mir einen Teil davon abnehmen. Ich weiß, dass er eines Tages verschwunden sein wird, aber die Zeit bis dahin erscheint mir ewig. An manchen Tagen geht es mir erschreckend gut. Dann wieder wache ich an anderen Tagen morgens auf und spüre bereits beim ersten Wimpernschlag, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Nein, ich sehne mich nicht mehr nach diesem Menschen, seiner Anwesenheit oder seiner Nähe. Nein, es ist vielmehr die Enttäuschung darüber, wie er sich aus dieser Beziehung „verabschiedet“ hat – gar nicht. Er lief einfach davon, erwies sich als kein bisschen standhaft und täuschte Verzweiflung vor, die nur gespielt sein konnte, denn sein Verhalten sagt dies mehr als deutlich. Einem solchen Schauspieler aufgesessen zu sein, quält mich am schlimmsten. Alles andere lässt sich ertragen. Ich muss dankbar sein, dass ich nicht noch mehr Zeit an diesen Dramatiker verschwendet habe, auch wenn ich ihm zum Abschied gerne vor die Füße spucken würde. Wer so mit Gefühlen spielt und Emotionen vortäuscht, die er nicht in sich trägt, hat weniger Charakter als ein totes Stück Holz. Unter dem Vorwand, diese Liebe brächte ihn um, zog er feige den Schwanz ein und entpuppte sich als wahres Ekel. Mein Sohn kann Zeugnis darüber ablegen, denn ihn ignorierte er von Stund an und das sagt sehr viel über den Charakter eines Menschen aus. Wer seine Konflikte auf dem Rücken von Kindern auslebt, hat weder Achtung noch Respekt verdient.
Die Wochen bis zum ersehnten Umzug ziehen sich endlos hin und ich quäle mich durch jeden einzelnen Tag, bis ich diese Mauern endlich verlassen kann. Diese Wohnung, dieser Stadtteil, alles hier ist mir zuwider. Noch nie habe ich einen Wohnungswechsel so herbei gesehnt wie diesen. Meinem Sohn und mir wird diese Veränderung gut tun und die noch anstehenden Ereignisse sind zwar weniger erfreulich, aber sie werden mir helfen, einen endgültigen Strich unter alldem zu ziehen. Kleine und auch große Opfer gebe ich dafür und nicht mit allem stoße ich auf Verständnis – zumindest nicht bei Jedem -, aber da es keine Alternativen gibt, bleibt mir keine andere Wahl. Ich kehre allem und jedem den Rücken, der mich an jene Dinge erinnert, die meinem Sohn und mir hier widerfahren sind. Das bin ich mir und auch meinem Sohn schuldig, auch wenn’s so mancher Mensch nicht versteht.
In Krisenzeiten offenbaren sich die wahren Freunde. Je weniger du hast, desto weniger reden auf dich ein, was du verkehrt gemacht hast oder zu tun gehabt hättest. Umso größer ist die Chance, dass du in dir selbst deinen eigenen Weg erkennen darfst.
Es tat gut, gestern Abend mal wieder in Gesellschaft einer wahren Freundin zu sein, die all mein Tun und Handeln der jüngsten Vergangenheit und der nahenden Zukunft mit dem Herzen verstand und mir die Gewissheit gab, dass ihre Sicht der Dinge sich von meiner nicht unterscheidet. Ich beschrieb ihr die Geschehnisse der Vergangenheit, zeigte ihr Dokumente dessen und ließ sie selbst entscheiden, was sie darüber denken und was sie empfinden sollte. Unter Berücksichtigung all jener Dokumente pflichtete sie mir bei, dass die Entscheidung zur Wiedererlangung meines Seelenfriedens die richtige sei, die andernorts derzeit für großen Unmut sorgt. Ich erinnere mich an ein Gespräch vor einigen Monaten, als ich jemanden fragte, was sie tun würde, wenn ihre Beziehung zerbrechen würde. Damals sagte sie, sie würde sich sofort zurückziehen und nach einer anderen Arbeitsgelegenheit suchen und nun reagiert man genau aus dieser Richtung zwar partiell mit verbalem Verständnis, jedoch versteht man offenbar nicht wirklich, was in mir vorgeht. Die größte Schuld an der Entwicklung mancher Dinge trage ich selbst, das ist mir durchaus klar. Ich habe eigenhändig den Zutritt zu meiner Arbeitsstelle verschafft, habe Einladungen zusammen mit dem jeweiligen Partner angenommen und somit Tür und Tor bis in den letzten Winkel meines beruflichen und privaten Lebens geöffnet. Nun fällt mir genau das auf die Füße, aber ich habe für die Zukunft daraus gelernt.
Dem vermeintlichen Verständnis für mein Sehnen nach Ruhe sind klare Grenzen gesetzt worden. Mit Vorwürfen und Trotz steht man mir nun gegenüber und verschließt die Augen vor dem, was mir Kraft raubt. Man möchte es auch nicht verstehen und zeigt mir klarer als zuvor, wie gering man mich wertschätzt. Die Enttäuschung ist groß, doch die Erkenntnis darüber ermahnt mich zumindest, meine Kraft und Energie nicht mehr in falsche Richtungen zu lenken. Um zu genesen, muss ich spätestens jetzt endlich egoistisch sein und mir die Dinge und Menschen vom Leibe schaffen, die Ursache für alles sind. Wer das nicht verstehen will, hat nicht wirklich Anteil genommen und offenbar nur einen Bruchteil dessen begriffen, was ich gezeigt und gesagt habe. Man unterstellt mir subtil, ich würde jemanden vor die Wahl stellen. Nein, das tue ich keineswegs, denn ich habe abgewartet und dann die Konsequenzen ziehen müssen, damit ich Aussicht auf die Ruhe habe, die ich so dringend brauche. Und wenn das der Preis ist, den ich dafür zahlen muss, dann gehe ich diesen Weg, da mir von anderer Seite hierbei wissentlich Steine in den Weg gelegt werden. Es ist in dieser Form das erste Mal, dass sich nach einer Trennung solche Probleme und Konflikte vor mir auftun, aber es lässt mich die Definition des Wortes Freundschaft neu überdenken.
Manchmal muss man sich für oder gegen jemanden entscheiden, da man beides nicht vereinbaren kann – ob es nun in unserer Macht steht oder nicht. Für oder gegen wen entscheidet man dann? Für jemanden, den man bis vor einem Jahr nicht kannte, der seine Loyalität noch nie unter Beweis gestellt hat und sich vielleicht nur mit dieser erschlichenen „Freundschaft“ schmückt, weil der neu erworbene Freund Rang und Namen in der Stadt hat? Oder gegen jemanden, der auf Gedeih und Verderb auf dem steigenden und auch sinkenden Schiff die Stellung hielt und dessen Bekanntschaft man seit mehr als 1 ½ Jahrzehnten pflegt? Wer genießt nun höhere Priorität? Die Antwort lag von Anfang an auf der Hand und widerspricht meiner eigenen Philosophie, was wahre Freundschaft betrifft. In meinem engsten Freundeskreis war es niemals eine Frage, wer in solchen Situationen zur sprichwörtlichen Spreu gehörte, die sich vom Weizen trennt. Nie verlor man ein Wort darüber und jede/r handelte gleich. Ob nun ich gegenüber einer Freundin oder einem Freund oder aber meine eigenen Freunde oder Freundinnen mir gegenüber.
Erschütterung macht sich breit, wenn ich mich all jenen Freunden offenbare, die mir immer beistanden und dieses hier nun miterleben. Verständnislosigkeit und Missbilligung wohnen nun nicht mehr nur in meiner Brust, sondern auch in der jener Menschen, denen ich wichtig bin. Ich habe daraus sehr viel über Freundschaft und meine Mitmenschen gelernt, das steht fest. Ich bin in den ersten Momenten meiner Qual in die falsche Richtung geflüchtet und habe gottlob erkannt, wer wirklich bedingungslos hinter mir steht und nicht nur vorgibt, mich zu verstehen, aber gegenteiliges Handeln von mir erwartet. Darüber darf ich enttäuscht sein und die Beschwerden über mein darauf folgendes Schweigen wird als „schlechtes Klima“ gewertet. Wenn das die einzige Form von „Verständnis“ sein soll, dann war nie wirklich Verständnis da und ich kann nicht erwarten, dass sich daran etwas ändert. Mir lagen diese beiden Menschen wirklich sehr am Herzen, aber angesichts dieser Dinge ist es nur gesund, wenn ich gehe. „Ein Unternehmen kann nur funktionieren, wenn es den Angestellten gut geht.“ Wenn aber wissentlich in Kauf genommen wird, dass es unter gewissen Bedingungen nicht möglich ist, dass diese Angestellten sich gut und sicher fühlen, muss man Prioritäten setzen. Dann nimmt der Unternehmer skurrilerweise billigend in Kauf, dass es den Untergebenen schlecht geht und handelt gegensätzlich. Und wenn jene Angestellten dann ihrerseits die Konsequenz ziehen, reagiert man lieber mit Zorn und Abweisung. Geahnt habe ich den Ausgang dieser Geschichte, also kam es nicht ganz unerwartet, aber dieser hohe Preis ist es wert, wenn ich durch ihn Ruhe erfahre. Zwei Freunde weniger und um vieles reicher an Erfahrung.
Zu Dank bin ich Beiden in hohem Maße verpflichtet, aber Enttäuschung bleibt dennoch zurück und wird mich eine kleine Ewigkeit auf meinem kommenden Weg begleiten und noch vorsichtiger machen.
Enttäuschung schmerzt am meisten, wenn sie vorhersehbar war, denn dann hatte man sich selbst getäuscht.
Enttäuschung bringt Erkenntnis und raubt Nerven.
Es kann unter Menschen kein gerechterer Grund zum Schmerze entstehen, als wenn sie von einer Seite, von der sie mit Recht Dankbarkeit und Wohlwollen erwarten mussten, Kränkung und Schaden erleiden.
Nach jeder Enttäuschung beginnt im Menschen eine Eiszeit.
Gegen Enttäuschungen anzukommen, ist ein schwieriger Kampf und selten ein Sieger.
Jede durchdachte Enttäuschung beinhaltet die Erkenntnis, den ersten Schritt in die richtige Richtung getan zu haben.
Enttäuschung über einen Menschen ist schlimm – sie verwandelt ein Foto in ein Negativ.
Ein starker Entschluss verwandelt mit einem Schlage äußerstes Unheil in einen erträglichen Zustand.
Eine Lösung ist eine Entscheidung, die den Konflikt
in dieser Sache für die Zukunft ausschließt.
Mit jemandem, der stärker ist als du, fange keine Feindschaft an. Ruhe aber nicht eher, als bis du dir den Feind, der schwächer ist als du, vom Halse geschafft hast.
Seinen Feinden begegnet man am besten, wenn man ihnen aus dem Weg geht.
Ich weiß wohl, vor wem ich fliehen soll, aber nicht zu wem?
Wer entschlossen ist und dem Feind dreist zu Leibe geht, der hat schon den halben Sieg.
Es gibt mehr als eine Straße, die zum Leben nach dem Leben führt, es gibt mehr als eine Art zu lieben, es gibt mehr als einen Weg, die andere Hälfte seines Selbst in einem anderen Menschen zu finden, es gibt mehr als eine Art, den Feind zu bekämpfen.
Das Schlimme sind nicht die schrecklichen Erkenntnisse, die dein Inneres stürzen; noch grausamer ist die Ohnmacht, die betäubt aus deiner Seele schreit…
Im Moment fehlt mir der Nerv und die Muse, meinen Gedanken Worte zu verleihen. Man möge mir verzeihen, dass ich jene Weisheiten für mich sprechen lasse und übergebe mich den bereits jetzt einsetzenden Nachwehen jener Veränderungen, die mich in naher und ferner Zukunft erwarten. Auf manche dieser Neuerungen hatte ich keinen aktiven Einfluss, auf andere wiederum schon. Vieles geschah ohne meine Initiative, anderes führte ich bewusst herbei. Die Entscheidungen, die ich selbst getroffen habe, traf ich nur aus einem einzigen Grunde – um mich selbst zu schützen. Eine Wunde immer wieder auf’s Neue aufzureißen und mit Salz zu bestreuen, verzögert nicht nur den Heilungsprozess, sondern macht ihn nahezu unmöglich.
Es gibt nichts, aber auch gar nichts, das jemand, der dich verraten hat, sagen kann, um dafür zu sorgen, dass du ihm wieder vertraust. Man verlässt sich nicht auf jemanden, der einen im Stich gelassen hat.
Das Vertrauen einem Menschen zu schenken, setzt zwei Gegebenheiten voraus. Weder physischer noch psychischer Gewalt ausgesetzt zu sein.
Vertrauen ist wie ein Kartenhaus: Man benötigt viel Zeit und Geduld um es aufzubauen, eine winzige Erschütterung jedoch genügt, um alles wieder zu zerstören.
Verloren gegangenes Vertrauen ist schwer zurückzugewinnen, denn Vertrauen wächst nicht nach, wie ein Zehennagel.
Ich glaube immer wieder an das Gute im Menschen, bis sie mir das Gegenteil beweisen. Die Beweise häufen sich.
Ich werde stets viel Zeit finden, um das Vertrauen von Menschen zu gewinnen, die meines Vertrauens würdig sind, aber keine verschwenden an die, die mein Vertrauen missbrauchen.
Vertrauen gibt es nur als Ganzes, entweder man traut dir, oder man traut dir nicht. Dazwischen gibt es nichts.
Selten ist ein Schmerz in seiner ersten Wucht am schwersten zu tragen, da hält die Aufregung, die Überzeugung, dass man Opfer bringen müsse, der Wille, dies mit Heroismus zu tun, Leib und Seele in Spannkraft. Solange der Kampf, die Schlacht währt, da stürmen die Kämpfenden siegesfreudig, todesmutig dahin; erst wenn die Ruhe eintritt und man sieht, was verloren ging, erst bei den Leichen und Trümmern kommt die Trauer. So auf dem Schlachtfelde, so im Leben. Erst später, nachdem die Opfer gebracht sind, wenn alles vorüber ist, wenn das Scheiden zum Nimmerwiedersehen geschehen ist, das Losreißen von dem uns Liebsten und Teuersten auf Erden, erst dann folgt das heiße und nagende Weh, das nicht ablässt von uns, nicht Tag noch Nacht, und Herz und Leib verzehrt.
Die Charakteristik des P.M.B.K.:
Ein Übel, das wir selbst gestiftet haben, pflegen wir rasch zu vergessen, während unser Gedächtnis in bezug auf das Böse, das andere uns zugefügt haben, sehr stark ist.
Die Selbstgerechtigkeit mancher Menschen ist so stark ausgeprägt, dass sie die Scherben, die sie auf ihrem vermeintlich einzig richtigen Weg hinterlassen, schlichtweg übersehen und leugnen. Wer einmal einem solchen Menschen begegnet ist, verliert rasch den Glauben an das Gute im Rest seiner Mitmenschen. Enttäuschung, Wut und Schmerz machen sich breit und lassen einen für eine Ewigkeit nicht los. Man möchte sich all derer entledigen, die jenen Emotionen mit defensiver Ratlosigkeit gegenüberstehen. Das einzige Allheilmittel scheint der Rückzug aus jenen Kreisen zu sein. Das Vertrauen weicht einem Gefühl der Ohnmacht und man verleiht seinem Schmerz immer seltener Worte. Man hört auf, über diese große, klaffende und böse eiternde Wunde zu sprechen und wendet sich von jenen Menschen ab, die dem Verursacher dieser Wunde noch Gehör schenken. Man verliert den objektiven Blick und entzieht sich diesen Menschen nach und nach unwiderruflich. Man läuft weg und konzentriert sich nur noch auf den eigenen Seelenfrieden, den man hoffentlich bald wieder erreicht. Die ständige Konfrontation mit dem Quälgeist und seinen nahen oder auch fernen Mitmenschen verschafft lediglich Schmerz und ungewollte Gedanken über Vergangenes. So flüchtet man nahezu vollständig vor der Möglichkeit, mit diesem einen Seelenterroristen zusammenzutreffen, in der Hoffnung, der Schmerz möge einen so nicht mit seiner ganzen und erbarmungslosen Wucht treffen.
Schuld trifft allein mich, denn niemand zwang mich, diesem Tumor mehr Zutritt zu meinem Leben und meinem Umfeld zu verschaffen, als mir gut tut. Mein Leichtsinn erscheint als Posten auf dieser Rechnung und auch meine alten Prioritäten – alle die ich seinetwegen über Bord warf – fallen mir nun schmerzhaft auf die Füße. Ja, es ist tatsächlich so, dass es mir mit meinen alten Grundsätzen für mein Leben erheblich besser ging in solchen Lebenslagen. Ich will zurück dorthin, wo ich vor dieser Enttäuschung stand. Eins mit mir selbst und mit einer gesunden Portion Egoismus ausgestattet, aber gerade derentwegen nicht in diesem Maße verwundbar. Man wollte 100% von mir, man forderte es lautstark ein. Ich gab diese 100% schon beinahe und vergaß dabei, dass auch mir diese 100% zustehen. Am Ende durfte ich nicht mal 5% einfordern und sah die hässliche Fratze, welche sich unter dem Lächeln und den glückverheißenden Worten verbarg. Manchmal erhaschte ich einen klitzekleinen Blick darauf, aber auf beiden Augen blind rannte ich ins offene Messer. Es steckt von vorne in meiner Brust – ohne Betäubung und ohne Erinnern an all jene Worte, die mich auf diesen verhängnisvollen Weg gebracht haben. Jedes Wort ist revidiert, allesamt nur Lippenbekenntnisse. Der Verdacht hierfür war da, bei lauter Äußerung jener Zweifel jedoch wurde bestritten, dass es nur Worte wären. Ja, es würden Taten folgen, ich würde schon sehen, man würde es mir beweisen.
Auf die Beweise und die Handfestigkeit jener Worte warte ich noch heute und nunmehr liegt es nicht mehr in meinem Interesse, sie einzufordern, denn in der schwersten Stunde verweigerte man mir all das. Sind alle Menschen so oder bin ich auf einen jener Schwätzer hereingefallen, die Dich mit Worten und gespielten Tränen fangen, die an Theatralik nicht zu überbieten sind? Ich weigerte mich, zu glauben, dass es so berechnende Menschen gibt, aber ich wurde eines besseren belehrt. Ein älterer Mann sagte einmal zu mir: „Glaube nie den Tränen eines Mannes!“ In meiner damals jugendlichen Besserwisserei wies ich diese Warnung weit von mir. Ebenso wie all die mehr oder minder lauten Warnungen, die mir nahegelegt wurden, als das Unglück mit unserer ersten Begegnung seinen unheilvollen Lauf nahm. Sein Ruf eilte ihm weit voraus, aber ich war taub und gleichgültig diesen Worten gegenüber. Anfangs sträubte sich alles in mir gegen ihn, mehrfach versuchte ich, diese Beziehung einfach den Bach runtergehen zu lassen. Jedesmal folgten seinerseits dann diese erwähnten Tränenflüsse, die an Dramatik nichts vermissen ließen. Herzzerreißende Schwüre und sein schmerzverzerrter Blick zwangen mich immer wieder zur Umkehr, obwohl ich damals schon ahnte, dass genau dieser Mensch mir eines Tages so weh tun würde, dass ich um den Verstand komme. Man mag mich für absolut verrückt erklären, dass ich dennoch bei ihm geblieben bin, aber sind wir nicht alle handlungsunfähig, wenn wir lieben?
Es klafft ein gewaltiger Unterschied zwischen ihm und mir. Ich war reinen Herzens, ohne berechnende oder falsche Motive. Ich nahm ihn, wie er war, auch wenn es nicht immer leicht fiel. Ich schwieg zu oft, wenn er mir weh tat und ich überhörte die Stimmen, die bereits in den ersten Tagen und Wochen an mein Herz appellierten, dass dieser Mensch mir nicht gut tun würde. Gute Freunde und nahe stehende Menschen betrachteten diese Beziehung mit sorgenvollem Blick und ich brachte sie gewaltsam zum Schweigen. Großer Gott, diese Menschen sahen und kannten sein wahres Gesicht. Nur ich verschloss Augen und Ohren davor. Eine kluge Frau sagte kürzlich zu mir: „Man kann auch einen Idioten lieben.“ Dieser Satz fuhr mir wie tausend feine Nadeln über die Seele. Ja, auch ich bin ein Idiot, ein großer Idiot sogar. Mein Bauch sagte mir: „Finger weg!!!“ Hätt’ ich bloß darauf gehört – auf meinen Bauch und jenen älteren Herrn. Fehler machen wir alle, große und kleine. Aber ich habe mich schuldig gemacht, nicht nur mir selbst gegenüber. Dumm, leichtsinnig und blauäugig warf ich alle Bedenken über Bord und stehe nun um mehr als eine bittere Erfahrung reicher da. Und eine Person warnte mich, die mir die Augen ungewollt zumindest ein Stück weit öffnete. Aus seinem unmittelbaren Umfeld, seinem Dunstkreis. „Er ist immer so…“ sagte sie mir und sie kennt ihn von allen Menschen am längsten. Dieser Warnschuss hallt bis heute nach und wird unvergessen bleiben. Er weiß, wen ich meine und trotz aller Widrigkeiten behielt auch sie Recht. Auch wenn er das bis zum Sanktnimmerleinstag leugnet…
Zeit heilt möglicherweise Wunden, aber auch Narben können schmerzen und das ein Leben lang… Und dieses eine Mal darf das jeder lesen. Denkt, was Ihr wollt. Dass ich dumm und naiv war. Ihr habt sogar Recht, aber diese Erkenntnis habe ich inzwischen selbst erlangt – 1 ½ Jahre zu spät…
Wie vom Donner gerührt verharrt man, wenn jemand unerwartet aus dem prallen Leben scheidet. Da auch ich erst kürzlich einen guten alten Freund auf seinem letzten Weg begleiten musste, kann ich zumindest im Ansatz den Schmerz ermessen, denn ein solcher Verlust auslöst. Als stille Mitleserin eines Blogs verfolgte ich sporadisch die Abenteuer des kleinen Moritz und seiner Familie. Einen Moment lang bleibt die Welt stehen, wenn man solche erschütternden Nachrichten lesen muss. Ein junger Mensch wird plötzlich und unvorbereitet aus der Mitte seiner Lieben gerissen und hinterlässt tiefste Trauer und Verzweiflung. Ähnlich wie bei jenem alten Freund bleiben Kinder und Familienmitglieder zurück, die nur schwer mit diesem Verlust leben können. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis man realisiert, dass dieser geliebte Mensch nie mehr mit einem zu Abend isst, zur Tür reinkommt, das Badezimmer blockiert oder einfach nur da sein wird. Jeder von uns musste schon einmal diese Gefühlswelten durchleben und sich mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass der Tod etwas Unwiderrufliches ist. Es ist schwer, sehr sehr schwer…
Geben Sie Ihr Passwort ein, um Kommentare lesen zu können. | Alle, Schmerz, Trauer | Permalink Verfasst von Frau N. aus P.
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„Jibt Dir dit Leben mal een Buff, denn weene keene Träne. Lach Dir’n Ast und setz Dir druff und boomle mit de Beene.“