Früher beobachtete ich die Entwicklung meines Sohnes oft mit versonnenem Blick, einem seligen Lächeln, viel Nachsicht und ohne große Erwartungen. Schon als Baby und später als Kleinkind unterschied er sich in oftmals wesentlichen Dingen von seinen Altersgenossen. Um endlich auf die Welt zu kommen, ließ er sich zehn Tage länger als geplant Zeit, kam mit so herrlich vielen Speckröllchen in mein Leben und verschlief nahezu sein gesamtes erstes Lebensjahr. Das allein war jedoch nichts Ungewöhnliches, das tun viele Kinder. Seine Entwicklung verlief sprunghaft und oft war ich mir nicht so ganz sicher, ob er sich den Lehrbüchern gemäß entwickelt. Da war zum einen sein mangelnder Bewegungsdrang. Den ganzen Tag lag er mit ausgebreiteten Ärmchen und Beinchen in seinem kunterbunten Laufgitter, strahlte mich an, strampelte aufgeregt und freudig, wenn ich geschäftig vorbei lief oder aber er schlief.
Ich hatte die Hoffnung fast aufgegeben und es fiel mir schwer, dem längst erteilten Rat der Kinderärztin Folge zu leisten. Besorgt hatte ich sie schon vor Monaten gefragt, ob ich mit ihm zur Babygymnastik gehen solle, da er keinerlei Anstalten mache, das Krabbeln oder Laufen zu lernen, sich sogar weigerte mit seinen Füßchen den Boden zu berühren. Sie verneinte lächelnd und sagte: „Nein, lassen Sie ihm noch ein bisschen Zeit. Er hat ein extrem sonniges Gemüt und wird das ganz sicher bald von allein lernen. Er will einfach noch nicht.“ Nicht wirklich beruhigt, übte ich mich weiter in Geduld. Sämtliche Kinder meiner Bekannten, die im etwa gleichen Alter waren, plapperten, liefen, erkundeten ihre Umwelt, aßen von Mamas Teller, bissen in kleine Brötchen oder krabbelten wenigstens schon umher.
Mein Söhnchen hingegen lag noch immer lächelnd da und machte nichts dergleichen. Er mochte keine Speisen, die er kauen musste, er grinste einfach nur vor sich hin und er schlief auffallend lang. Abends gegen 19.00 Uhr legte ich ihn schlafen und er schlummerte meist bis zum Vormittag, nicht selten bis Mittag. So manches Mal seufzte ich, wenn ich andere Kinder in ihren Kinderwägen sitzen sah, wo sie an Brötchen knabberten, kindgerechte Säfte tranken und ihre Mütter vollplapperten. Scott lag eher im Halbsitzen in seinem Gefährt, trank ausschließlich seinen Krümeltee, den ich immer von zuhause mitnehmen musste, weigerte sich nach wie vor zu kauen und lächelte Gott und aller Welt verschämt zu. Er war ein ausgesprochener Charmeur und beäugte seine Umwelt mit großen, stahlblauen und hellwachen Augen. Aber er blieb in der Defensive und im Geiste sah ich mich zum Schulanfang mit Kinderwagen, Krümeltee und Zuckertüte neben all den anderen Eltern stehen.
Erst im Alter von 13 Monaten krabbelte das kleine Speckbein los. Schlagartig lernte er alles auf einmal. Innerhalb von sage und schreibe drei Wochen lernte er Laufen. Die wackelige Lauflernphase ließ er komplett weg und entwickelte sich fortan in einem Tempo, welches mir den Mund offen stehen ließ. Zeitgleich begann er endlich zu sprechen. Er war und ist kein Mann großer oder vieler Worte. Er beschränkte sich schon als Kleinkind auf die nötigsten Stichpunkte, verstand aber jedes einzelne Wort. Und er entwickelte eine äußerst pedantische Ader. Er sortierte einfach alles nach Größen, Längen oder anderweitigen Maßen. Mit ihm zu spielen, war nicht möglich. Er meckerte und schrie, wenn ich seine sortierten Autos auch nur berührte. Er konnte sich aber schon damals stundenlang allein beschäftigen. Auch das abendliche Vorlesen entpuppte sich schnell als nicht geeignet. Wie schön saß ich in meiner Vorstellung neben seinem Bettchen und las ihm Märchen vor. Ich ahnte damals noch nicht, dass er mein Vorlesen mit lautem Gekicher und Gekacker übertönen würde und viel lieber Lieder singen wollte.
Vorsingen im eigentlichen Sinne war auch nicht möglich, nein, er wollte das auf seine ganz besondere Art. Ich erinnere mich an sein erstes Weihnachtsfest. Frau Mama kauerte neben den Gitterstäben seines Bettchens und versuchte „Oh Tannenbaum“ zu flöten. Söhnchen schaute mich irgendwie gelangweilt und erwartungsvoll an, zeigte keine Freude und aus Verzweiflung änderte ich die Tonlage. Ich holte meine Luftgitarre raus, schraubte meine Stimme gefühlte zehn Oktaven tiefer und rockte ihm den Tannenbaum auf eine Weise, bei der James Hetfield vor Bewunderung das Mikro aus der Hand gefallen wäre. Plötzlich strahlte mein Sohn, jauchzte vor Vergnügen und strampelte aufgeregt und mir wurde einmal mehr klar, dass er alles anders machte als die meisten Kinder. Von diesem Tag an war abends im Kinderzimmer der Teufel los. Die „Entchen auf dem See“ headbangten, die „Stille Nacht“ war extrem gitarrenlastig und mein Sohn verfolgte jede meiner Bewegungen und Stimmlagen mit einer Aufmerksamkeit, die schon fast an Verzauberung grenzte.
Er hatte also das „Schwermetall-Gen“ geerbt und nur zu solcher Musik bewegte er sich auch. Was das Sprechen anging, weigerte er sich bis zum Einschulungsalter, den Buchstaben „J“ zu benutzen. So kam es, dass er im „Luli“ Geburtstag hatte, sich mit einem „Laschlappen“ nach dem Essen den Mund abwischte und einfach „leder“ sein Freund war. Es war zum Mäusemelken. Als er in die Schule kam, ermahnte ich ihn eindringlich, dass er spätestens „letzt“ das „J“ in seine Worte einbauen müsse und seltsamerweise tat er das auch. Bis dahin fuhr er auch „lahrelang“ nach „Maulwurf“ zum Baden. Mit Oma, Opa, Papa, Tante und ich überlegte ebenso viele Jahre, wo zum Geier dieses „Maulwurf“ sei. Erst als ich eines Tages mit zum Schwimmen fuhr, sollte ich herausfinden, wo genau dieser Ort lag.
Die Jahre vergingen und sein sonniges Gemüt wich dem eines kleinen Teufelchens. Wut- und Trotzanfälle beherrschten unseren Alltag. Aber auch das legte sich wieder. Im Nachgang vergisst man all die grauen Haare, die man jener Phase zu verdanken hat. Man färbt stillschweigend sein Haupthaar und ist froh, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Sohnemann entwickelte sich prächtig und inzwischen merke ich mehr und mehr, dass er ein kleiner Mann wird. Es erfüllt mich mit unbeschreiblichem Stolz, wenn er die Spülmaschine ausräumt, seine kreischende Mutter vom Anblick einer Spinne erlöst, schlammverkrustete Hosen schonmal vorsorglich in der Badewanne abspült und mittlerweile kleinere Einkäufe erledigt, weil Muttern überhaupt nicht gerne einkaufen geht. Dann läuft er preisevergleichend durch den Supermarkt, bevorzugt große Packungen die günstiger sind und bringt wirklich nur die Dinge mit, die auch auf dem Zettel stehen.
Ich bin ihm dankbar für diese Hilfe und er hat augenscheinlich Freude daran, seinen Teil zum gemeinsamen Leben beizutragen. Er bringt Altpapier zum Container, schafft den Müll runter, spült die Wanne nach dem Baden aus, hängt seine Handtücher zum Trocknen auf, sammelt in seiner Fußballtasche keine stinkenden Socken, saugt auch mal die Wohnung durch, schüttet den Sand aus seinen Schuhen erst vor der Haustür aus, wärmt sich selbständig sein Mittagessen auf und versorgt seine Mama auch mit Tee und Tempos, wenn sie krank ist. Ich habe den tollsten Sohn der Welt, der aber trotzdem auch Kind ist. Er kommt regelmäßig zu spät, kleckert beim Essen, vergisst ständig seine Zahnspange, rennt am Sonntag bis nachmittags im Schlafanzug durch die Wohnung und findet für alles Ausreden. Aber er ist auch ein bescheidenes Kind.
Erst gestern erwähnte er beiläufig, dass er vor etwa drei Wochen an einem Lesewettbewerb teilgenommen habe, bei dem er den 3. Platz belegt hat. Ich horchte auf und fragte, warum er davon nichts erzähle. Er sagte, das sei doch nichts Besonderes und ich hakte nach. „Wieviele Schüler waren denn dabei?“ Er merkte an, es seien 26 Teilnehmer gewesen und ich stellte richtig, dass ein 3. Platz von 26 Mitstreitern durchaus erwähnenswert sei und nicht so unbedeutend, wie er glaubt. Wir haben vor einigen Monaten etwas ähnliches erlebt und auch damals war er der Meinung, dass er nichts Ungewöhnliches getan habe. Bescheidenheit ist eine seiner Stärken und es erstaunt mich einigermaßen, dass er bereits in seinem Alter diese Wesensart in sich trägt. Er prahlt nicht mit seinen Leistungen, hilft gerne und uneigennützig, ist genügsam und stellt seine Ansprüche meist in den Hintergrund, da ihm mehr und mehr bewusst zu werden scheint, was im täglichen Leben wirklich von Wichtigkeit ist.
Seine geistige Reife macht mich oft sprachlos und ich befinde mich oft im Zwiespalt, ob sein Charakter einfach nur angeboren oder das Ergebnis meiner energischen und konsequenten Erziehung ist. Letztendlich spielt es keine Rolle, denn ich bin über alle Maßen stolz auf meinen Jungen, der manchmal so erwachsen ist und mir beisteht. Als er gestern mal wieder eine Spinne entsorgte, sagte ich zum ersten Mal: „Jetzt bist Du der Mann im Haus und was soll ich nur tun, wenn Du mal erwachsen bist und in Deiner eigenen Wohnung lebst. Dann muss ich Dich anrufen, wenn hier eine Spinne sitzt und Du musst kommen und Deiner Mama helfen.“ Er saß am Küchentisch und lächelte mich an. Er strahlte diese Ruhe aus, die mir so fehlt und es sind genau diese Momente, in denen ich mit Wehmut an den Moment denke, wenn er seine Habseligkeiten aus meinem Leben in sein eigenes Leben trägt. So langsam bekomme ich eine Ahnung davon, wie es sein muss, wenn die Kinder irgendwann das Haus verlassen.
Mein Sohn…, Du machst mich unglaublich stolz und ich weiß, dass Du schon jetzt ein besserer Mensch bist, als ich es je sein könnte. Du bist all das, was mir oft so schwer fällt. Du bist geduldig, nachsichtig, verständnisvoll und genügsam. Du bist selbstlos, hilfsbereit und fleißig. Und Du hast Dich zu viel mehr entwickelt, als ich mir erträumt habe. Trotzdem Du ein Einzelkind bist, warst und bist Du niemals geizig, teilst alles und immer, ja verzichtest sogar auf Dinge, die Du selbst liebst und gibst dennoch aus vollem Herzen. Es sind diese Dinge, die mich so stolz machen. Vielleicht hat unser schweres Leben Dich zu dem gemacht, was Du bist. Vielleicht war es meine Erziehung, vielleicht aber auch nur unser Miteinander. Aber ganz sicher wirst Du ein großartiger Mensch, das bist Du schon jetzt und ich zeige Dir viel zu selten, wie stolz ich auf Dich bin. Und in Momenten wie diesen, wenn Du um 4.00 Uhr morgens krank auf der Couch liegst und ich Dir Tee mit Zitrone mache, Dich mit weichen Decken und Halsbonbons versorge, dann bist Du wieder mein kleines Speckbeinchen und ich möchte einfach nur die Zeit anhalten, damit Du immer hier bleibst.
Du bist der Grund dafür, dass ich morgens gerne aufstehe. Du hast mir klar gemacht, was wichtig ist, worauf es ankommt und Du hast mir bedingungslose Liebe gezeigt. Dir kann ich nie lange böse sein, Du erweichst mein Herz, wenn Du weinst und Du spendest mir Trost, wo andere machtlos sind. Du bist mein Herz und mein Blut und Du bist mein Mittelpunkt. Du bist die Liebe meines Lebens und mein Licht. Du bist die Ruhe und die Kraft, die mir oft fehlt. Du verzauberst mich mit Deinem Wesen und ich bewundere Deine Geduld mit mir. Ich mach’s Dir nicht immer leicht, aber Du nimmst mich so, wie ich bin. Du bist das Beste, was mir passieren konnte und ich bin dankbar für jeden Tag, jede Stunde und jeden Augenblick mit Dir. Ich danke Dir für alles und dafür, dass Du so bist, wie Du bist… Kein Tag ohne Dich…

