Heute erreichte mich vollkommen unerwartet die Nachricht über den Tod eines ehemaligen Nachbarn. Ich bin bestürzt und angesichts dieses tragischen Ereignisses fehlen mir die Worte für das, was mir in diesen Stunden durch den Kopf geht.
Erinnerungen an meine Zeit in diesem Haus kommen hoch und ich dachte immer sehr gerne an meine Zeit dort. Vor fast genau 13 Jahren zogen wir mit unserem klitzekleinen Sohnemann in eine größere Wohnung. Dachgeschoss, helle Räume, Balkon und vor allem ein Kinderzimmer. Gleich nebenan wohnte ein älteres Ehepaar. Zwei stattliche und hochgewachsene Menschen, alle beide hatten schneeweißes Haar und sie waren es, die mir als erstes im Flur begegneten. Scott war gerade zwei Monate alt, als wir dort unser Heim einrichteten. Unsere erste Begegnung ließ gleich jedes Eis schmelzen, denn als ich mich mit Scotti im Arm die Stufen bis nach oben quälte, standen die Beiden da und strahlten mich an: “Aaaaach, eeendlich wieder Kinder im Haus. Das ist sooo schön und darüber freuen wir uns sooo sehr.”
Ich war etwas verdutzt, denn man hört derlei freudige Worte nicht oft, wenn es um oftmals schreiende und trotzende Kinder geht. Ich lächelte etwas zaghaft zurück und was in den folgenden fünf Jahren an Herzlichkeit aus der Nebenwohnung kam, war einfach unbeschreiblich. Meine liebenswerten Nachbarn vergaßen kein einziges Mal den Geburtstag meines Sohnes, ein Weihnachtsfest, den Kindertag oder Nikolausi. Immer, ja wirklich immer lag oder stand etwas Tolles auf unserem Schuhschrank. Wer jetzt glaubt, es handelte sich dabei um Kleinigkeiten, irrt gewaltig. Meine lieben Nachbarheinzelmännchen stürzten sich jedes Mal in unverschämt hohe Kosten, um meinem Sohn eine Freude zu machen. Und immer war das Geschenk in silbern glänzende Alufolie gepackt. Anfangs war ich darüber einigermaßen irritiert, aber wenn ich heute Geschenke in Alufolie sehe, denke ich jedes einzelne Mal an “meine Zänkers”.
Es dauerte nicht lange, bis mein Kater “Mephisto” das erste mal aus der Wohnung entwischte und auf direktem Weg rüber zu Zänkers rannte. Frau Zänker freute sich diebisch, denn sie mochte Haustiere sehr sehr gerne. Sie beruhigte mich, als ich meinen Kater gleich holen wollte: “Ach, das macht nichts. Lassen Sie ihn ruhig ein bisschen bei uns. Wir hatten früher einen Hund und seitdem dieser gestorben ist, vermissen wir das oft. Ich klingle nachher, wenn er zurück will.” Sprach’s und “behielt” meinen “Dicken” für eine beachtliche Zeit. Kein Wunder, denn dort drüben durfte er nach Herzenslust in Pflanzen beißen, daran nagen und in den Blumentöpfen buddeln. Irgendwann klingelte es und Frau Zänker brachte mir mein Ungetüm zurück.
Nicht lange danach stand plötzlich eine große Pflanze im Hausflur und als ich wieder einmal die Treppen hochhechelte, strahlte mich die große Frau von nebenan wieder an und sagte: “Der Blumenstock ist für Mephisto. Den darf er ruhig aufessen, der steht extra für ihn hier, falls wir mal nicht zuhause sind.” Ich kicherte und fand das mehr als süß. Lächelnd schloss ich die Tür und so vergingen die Monate im neuen Zuhause. Scotti wurde zusehens mobiler und morgens klopfte er gerne mit den Fersen an die Wand, wenn er wach wurde. Mir war das peinlich, denn ich wollte niemanden stören oder für Unruhe im Haus sorgen. Aber meine Nachbarn waren regelrecht erfreut, wenn sie den kleinen Mann mal hörten.
Als er endlich laufen konnte, verbrachte nicht nur mehr Mephisto seine Zeit nebenan, sondern es kam immer häufiger vor, dass auch Scotti hinterher tippelte und auch zu den netten Nachbar wollte. Auch das war mir höchst unangenehm. Meine Nachbarn allerdings bettelten regelrecht darum, auf Scotti aufpassen zu dürfen und peinlich berührt willigte ich ein. Von Stund an klingelte Scott fast täglich dort drüben und “Tante Rosi und Onkel Harald” öffneten jedesmal freudestrahlend die Tür. Es wurde kurz rübergewinkt und dann schlossen sich die Wohnungstüren wieder. Es war goldig, das zu sehen, denn die Beiden genossen die Zeit mit Scotti sehr. Sie feierten mit ihm Fasching, malten ihn an, brachten ihm lustige Worte bei – Tante Rosi nannte ihren Harald oft im Scherz “Sausack”. Mehr muss ich nicht sagen.
Diese und noch viele andere Erinnerungen kommen heute wieder zum Vorschein. Als ich barfuß und im Badeanzug bei Rosi telefonieren musste, weil ich mich ausgesperrt hatte, als die Nachbarn ihr Bad komplett verschönern ließen und eine Woche meine Toilette benutzten, als mir Onkel Harald Schnäpschen einflößte und und und… Irgendwann tauschten wir auch die Wohnungsschlüssel. Die tollsten Nachbarn, die man sich wünschen kann und herzlich wie kaum jemand sonst. Eine schöne Zeit hatten wir dort, dank ihnen. Sie sahen Scotti laufen und sprechen lernen, die verfolgten seine Entwicklung mit großem Interesse und waren immer liebevoll zu ihm und auch zu mir. Danke für alles und auf Wiedersehen, denn ich möchte im Nirvana gerne wieder neben Euch wohnen. Es war schön mit und bei Euch. Ich bin sehr traurig heute und ich werde heute Bilder von damals anschauen, weil mir danach ist.
Tante Rosi, sei tapfer und behalt’ den Mut. Es ist schwer, sehr schwer und alle, die Dich und Deinen Onkel Harald kennen, wissen, wie groß die Lücke ist, die er bei Dir und allen Menschen hinterlässt. Ich denke an Euch!!!
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12. August 2009 um 21:17
Was mich ein klein wenig schlucken lässt ist die Tatsache, daß das Schicksal wieder einmal einen gewaltigen Strich quer durch die Rechnung eines einzelnen Menschen macht. Einen Tag vor seinem Geburtstag mußte er sich von dieser Welt verabschieden. Irgendwie kann und will ich die kleinen Gemeinheiten von Gevatter Tod nicht verstehen.
13. August 2009 um 06:17
Und die Besten holt er offenbar immer zuerst. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so traurig macht, denn es war „nur“ ein ehemaliger Nachbar, aber diese beiden Menschen haben nachhaltig tiefen Eindruck bei mir und auch Scott hinterlassen, denn er kommentierte die traurige Nachricht gestern so: „Das waren die besten Nachbarn, die wir jemals hatten.“
Sie waren halt – besonders Scott gegenüber – nicht nur Nachbarn. Sie waren irgendwie ein bisschen Ersatzgroßeltern und er mochte sie wirklich sehr gerne, ich auch. Sehr…!!!
13. August 2009 um 06:33
oh, das tut mir leid. ich kann mich noch gut an die beiden erinnern. sie waren immer sehr freundlich wenn ich ihnen beim „hinaufhecheln“ zu dir begegnete. wirklich traurig….
13. August 2009 um 06:44
Dei Beiden waren goldig, ne? Und die sahen aus wie Zwillinge, weil sie beide so groß waren und beide schneeweiße Haare hatten. Das sah lustig aus.
19. August 2009 um 10:01
Gib der Frau doch diesen einen Artikel, er ist sehr lieb geschrieben. Ich glaube besser kann man das Andenken nicht ausdrücken.
Grüße aus Freiberg
19. August 2009 um 13:23
Ich habe den Artikel zum Drucken vorbereitet und werde Deinem Rat folgen. Auf die Idee kam ich bisher gar nicht.
Danke dafür…