Narben

Selten ist ein Schmerz in seiner ersten Wucht am schwersten zu tragen, da hält die Aufregung, die Überzeugung, dass man Opfer bringen müsse, der Wille, dies mit Heroismus zu tun, Leib und Seele in Spannkraft. Solange der Kampf, die Schlacht währt, da stürmen die Kämpfenden siegesfreudig, todesmutig dahin; erst wenn die Ruhe eintritt und man sieht, was verloren ging, erst bei den Leichen und Trümmern kommt die Trauer. So auf dem Schlachtfelde, so im Leben. Erst später, nachdem die Opfer gebracht sind, wenn alles vorüber ist, wenn das Scheiden zum Nimmerwiedersehen geschehen ist, das Losreißen von dem uns Liebsten und Teuersten auf Erden, erst dann folgt das heiße und nagende Weh, das nicht ablässt von uns, nicht Tag noch Nacht, und Herz und Leib verzehrt.

Die Charakteristik des P.M.B.K.:

Ein Übel, das wir selbst gestiftet haben, pflegen wir rasch zu vergessen, während unser Gedächtnis in bezug auf das Böse, das andere uns zugefügt haben, sehr stark ist.

Die Selbstgerechtigkeit mancher Menschen ist so stark ausgeprägt, dass sie die Scherben, die sie auf ihrem vermeintlich einzig richtigen Weg hinterlassen, schlichtweg übersehen und leugnen. Wer einmal einem solchen Menschen begegnet ist, verliert rasch den Glauben an das Gute im Rest seiner Mitmenschen. Enttäuschung, Wut und Schmerz machen sich breit und lassen einen für eine Ewigkeit nicht los. Man möchte sich all derer entledigen, die jenen Emotionen mit defensiver Ratlosigkeit gegenüberstehen. Das einzige Allheilmittel scheint der Rückzug aus jenen Kreisen zu sein. Das Vertrauen weicht einem Gefühl der Ohnmacht und man verleiht seinem Schmerz immer seltener Worte. Man hört auf, über diese große, klaffende und böse eiternde Wunde zu sprechen und wendet sich von jenen Menschen ab, die dem Verursacher dieser Wunde noch Gehör schenken. Man verliert den objektiven Blick und entzieht sich diesen Menschen nach und nach unwiderruflich. Man läuft weg und konzentriert sich nur noch auf den eigenen Seelenfrieden, den man hoffentlich bald wieder erreicht. Die ständige Konfrontation mit dem Quälgeist und seinen nahen oder auch fernen Mitmenschen verschafft lediglich Schmerz und ungewollte Gedanken über Vergangenes. So flüchtet man nahezu vollständig vor der Möglichkeit, mit diesem einen Seelenterroristen zusammenzutreffen, in der Hoffnung, der Schmerz möge einen so nicht mit seiner ganzen und erbarmungslosen Wucht treffen.

Schuld trifft allein mich, denn niemand zwang mich, diesem Tumor mehr Zutritt zu meinem Leben und meinem Umfeld zu verschaffen, als mir gut tut. Mein Leichtsinn erscheint als Posten auf dieser Rechnung und auch meine alten Prioritäten – alle die ich seinetwegen über Bord warf – fallen mir nun schmerzhaft auf die Füße. Ja, es ist tatsächlich so, dass es mir mit meinen alten Grundsätzen für mein Leben erheblich besser ging in solchen Lebenslagen. Ich will zurück dorthin, wo ich vor dieser Enttäuschung stand. Eins mit mir selbst und mit einer gesunden Portion Egoismus ausgestattet, aber gerade derentwegen nicht in diesem Maße verwundbar. Man wollte 100% von mir, man forderte es lautstark ein. Ich gab diese 100% schon beinahe und vergaß dabei, dass auch mir diese 100% zustehen. Am Ende durfte ich nicht mal 5% einfordern und sah die hässliche Fratze, welche sich unter dem Lächeln und den glückverheißenden Worten verbarg. Manchmal erhaschte ich einen klitzekleinen Blick darauf, aber auf beiden Augen blind rannte ich ins offene Messer. Es steckt von vorne in meiner Brust – ohne Betäubung und ohne Erinnern an all jene Worte, die mich auf diesen verhängnisvollen Weg gebracht haben. Jedes Wort ist revidiert, allesamt nur Lippenbekenntnisse. Der Verdacht hierfür war da, bei lauter Äußerung jener Zweifel jedoch wurde bestritten, dass es nur Worte wären. Ja, es würden Taten folgen, ich würde schon sehen, man würde es mir beweisen.

Auf die Beweise und die Handfestigkeit jener Worte warte ich noch heute und nunmehr liegt es nicht mehr in meinem Interesse, sie einzufordern, denn in der schwersten Stunde verweigerte man mir all das. Sind alle Menschen so oder bin ich auf einen jener Schwätzer hereingefallen, die Dich mit Worten und gespielten Tränen fangen, die an Theatralik nicht zu überbieten sind? Ich weigerte mich, zu glauben, dass es so berechnende Menschen gibt, aber ich wurde eines besseren belehrt. Ein älterer Mann sagte einmal zu mir: “Glaube nie den Tränen eines Mannes!” In meiner damals jugendlichen Besserwisserei wies ich diese Warnung weit von mir. Ebenso wie all die mehr oder minder lauten Warnungen, die mir nahegelegt wurden, als das Unglück mit unserer ersten Begegnung seinen unheilvollen Lauf nahm. Sein Ruf eilte ihm weit voraus, aber ich war taub und gleichgültig diesen Worten gegenüber. Anfangs sträubte sich alles in mir gegen ihn, mehrfach versuchte ich, diese Beziehung einfach den Bach runtergehen zu lassen. Jedesmal folgten seinerseits dann diese erwähnten Tränenflüsse, die an Dramatik nichts vermissen ließen. Herzzerreißende Schwüre und sein schmerzverzerrter Blick zwangen mich immer wieder zur Umkehr, obwohl ich damals schon ahnte, dass genau dieser Mensch mir eines Tages so weh tun würde, dass ich um den Verstand komme. Man mag mich für absolut verrückt erklären, dass ich dennoch bei ihm geblieben bin, aber sind wir nicht alle handlungsunfähig, wenn wir lieben?

Es klafft ein gewaltiger Unterschied zwischen ihm und mir. Ich war reinen Herzens, ohne berechnende oder falsche Motive. Ich nahm ihn, wie er war, auch wenn es nicht immer leicht fiel. Ich schwieg zu oft, wenn er mir weh tat und ich überhörte die Stimmen, die bereits in den ersten Tagen und Wochen an mein Herz appellierten, dass dieser Mensch mir nicht gut tun würde. Gute Freunde und nahe stehende Menschen betrachteten diese Beziehung mit sorgenvollem Blick und ich brachte sie gewaltsam zum Schweigen. Großer Gott, diese Menschen sahen und kannten sein wahres Gesicht. Nur ich verschloss Augen und Ohren davor. Eine kluge Frau sagte kürzlich zu mir: “Man kann auch einen Idioten lieben.” Dieser Satz fuhr mir wie tausend feine Nadeln über die Seele. Ja, auch ich bin ein Idiot, ein großer Idiot sogar. Mein Bauch sagte mir: “Finger weg!!!” Hätt’ ich bloß darauf gehört – auf meinen Bauch und jenen älteren Herrn. Fehler machen wir alle, große und kleine. Aber ich habe mich schuldig gemacht, nicht nur mir selbst gegenüber. Dumm, leichtsinnig und blauäugig warf ich alle Bedenken über Bord und stehe nun um mehr als eine bittere Erfahrung reicher da. Und eine Person warnte mich, die mir die Augen ungewollt zumindest ein Stück weit öffnete. Aus seinem unmittelbaren Umfeld, seinem Dunstkreis. “Er ist immer so…” sagte sie mir und sie kennt ihn von allen Menschen am längsten. Dieser Warnschuss hallt bis heute nach und wird unvergessen bleiben. Er weiß, wen ich meine und trotz aller Widrigkeiten behielt auch sie Recht. Auch wenn er das bis zum Sanktnimmerleinstag leugnet…

Zeit heilt möglicherweise Wunden, aber auch Narben können schmerzen und das ein Leben lang… Und dieses eine Mal darf das jeder lesen. Denkt, was Ihr wollt. Dass ich dumm und naiv war. Ihr habt sogar Recht, aber diese Erkenntnis habe ich inzwischen selbst erlangt – 1 ½ Jahre zu spät…

2 Antworten zu “Narben”

  1. Frau Bergzwerg sagt:

    Arsch der,….

  2. nyiri sagt:

    Dank Dir, meine Gute… Manchmal denke ich das leider auch.

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